









Gnade sei mit Euch und Friede von Gottt unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus! Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Der Glaube kann Berge versetzen (vgl. Mk 11,23). Was wir hier sprichwörtlich über den Glauben sagen, drückt Jesus im gehörten Gleichnis vom Maulbeerbaum aus. Vielleicht haben manche von seinen Zuhörern damals wie heute im Stillen gedacht: Das ist doch unmöglich: Ein Senfkorn - so groß wie ein Stecknadelkopf - also winzig, ein solcher Anfangsglaube soll gleichsam einen Maulbeerbaum versetzen können, der so große Wurzeln hat, dass er hunderte von Jahren alt wird und jedem Unwetter trotzen kann.
Ist das utopisch? - - Dass Menschen sich nach einer Kraft sehnen, die ihre eigenen Möglichkeiten übersteigt, das hat die Werbung in unserer Konsumgesellschaft längst aufgegriffen. „Nichts ist unmöglich … Toyota“ ?
Eine solche Werbung spricht in der Tat diese Sehnsucht aus und setzt sich deshalb in den Köpfen fest, auch wenn wir wissen, dass sie nicht halten kann, was sie verspricht.
Winziges Senfkorn und riesiger Baum: Gerade an diesem Gegensatz will Jesus verdeutlichen: Schon im ersten Schritt der Hingabe an Gott liegt eine Kraft, die Großes vermag, weil es nicht unsere Kraft ist, sondern der Herr selbst hier am Werk ist.
Denn Gottes Wort kehrt nicht leer zurück, wie es bei Jesaja (vgl. Jes 55,11) heißt. Es bewirkt, was es besagt. Kann also der Glaube an Christus Berge oder Bäume versetzen? Und wenn er es kann, wo geschieht das?
Z.B. jetzt in dieser Stunde. Wer hätte denn zum 900-Jahr-Jubiläum der Stiepeler Dorfkirche zu glauben gewagt, das 100 Jahre später evangelische und katholische Christen gemeinsam hier in diesem altehrwürdigen Gotteshaus Gott loben und preisen.
Aber, so könnten Sie einräumen: Wer gibt Ihnen denn die Gewissheit, dass das nicht einfach ein historischer Entwicklungsprozess ist und nichts mit Glauben und meinem Ringen um Glauben zu tun hat?
Auch wenn ein solcher Einwand seine Berechtigung hat, so glaube ich, dass überall dort, wo Gottes Geist am Werk ist, etwas Größeres geschieht, das wir selbst nicht vollbringen könnten. In diesem Jahr jährt sich zum 100. Mal die Initiative der Weltgebetsoktav vom 18. bis 25. Januar um die Einheit der Christen.
Dies ist ja nicht ein privater Wunsch, sondern hat seinen Grund im Wort des Herrn: "Vater, lass alle eins sein. Wie Du in mir und ich in dir bin, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass Du mich gesandt hast!" (Vgl. Joh 17,21)
Ohne dass wir es vielleicht gemerkt haben, ist in dieser Bitte des Herrn an den Vater das entscheidende Kennzeichen des Glaubens genannt: Die Übereinstimmung mit dem Willen Gottes.
Es geht Jesus um die Erfüllung des Willens Gottes. (Vgl. Joh 4,34; 5,30) Kein Wunder Jesu geschieht zur Show. Ja, die Zeichen, die Jesus mit uns vollbringen will, sind größer als jede Show, weil sie seine Liebe – und etwas Größeres gibt es nicht – unter uns offenbaren.
Vor einigen Monaten erregte die Nachricht, dass Mutter Teresa selbst manche Glaubensnacht durchlitten hat, großes Aufsehen. Dazu las ich vor kurzem folgende Begebenheit: Ein Theologieprofessor aus Oxford, der alles erreicht hatte, was man akademisch erreichen konnte, kam an seine Grenzen. Der Glaube und die Liebe waren ihm immer mehr entschwunden. Im Jahr 1994, also noch vor dem Tod von Mutter Teresa, machte er sich auf nach Kalkutta, um im Dienst an den Ärmsten der Armen eine Antwort auf seine Not zu finden.
Nach Wochen erst traf er auf Mutter Teresa. Sie ging auf ihn zu. Und auf seine Bitte hin, für ihn um Klarheit zu beten, versagte ihn Mutter Teresa diesen Wunsch: "Nein, wenn ich um Klarheit für dich bete, dann wird die Klarheit das sein, woran du dich klammerst. Das sollst Du nicht tun! Klammere Dich an ihn! Klammere Dich an Jesus!"
Wo ein solcher Glaube vorhanden ist, und mag er noch so klein sein, da wird das scheinbar Unmögliche möglich. Denken wir an den Vater des Jungen im Markusevangelium: Zu ihm sagt Jesus: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Und der Angesprochene antwortete: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,23f.)
„Für Gott ist nichts unmöglich.“ (Lk 1,38) Auch Maria verstand nicht alles. Aber sie bewahrte das Wort Gottes in ihrem Herzen. (Vgl. Lk 2,19.51) Auf den Anruf des Herrn antwortete sie: "Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach Deinem Wort."
Damit sind wir beim Geheimnis der Niedrigkeit und so kommen wir zum zweiten Teil unseres Evangeliums, das P. Andreas vorgelesen hat: nämlich zum Verhältnis von Sklave und Herr.
Was in der Zeit Jesu noch selbstverständlich erschien, scheint heute fast unerträglich. Will Jesus Sklaven? - Versklavung gibt es auch heute noch. Denken wir an das gängige Verhalten von Groß-konzernen, z.B. aktuell hier in Bochum.
Spricht Jesus einer Versklavung das Wort? Das wäre zu oberflächlich gedacht. Nein, es geht ihm um den Gehorsam, den er als selbstverständliches MÜSSEN ansieht.
Und was heißt das für uns? Es geht im letzten um die Nachfolge Jesu, der selbst zum gehorsamen Gottesknecht wurde, um uns zu erlösen. Christus hat FREIWILLIG diesen niedrigsten Platz in der Welt - das Kreuz - angenommen. Gerade in dieser radikalen Demut schenkt er uns die größte Liebe. Durch sie hat er uns erlöst und an sich gezogen (vgl. Joh 12,32).
„Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.“ (1 Kor 2,2) Dieses paulinische Wort war für den Mönchsvater der Zisterzienser Bernhard von Clairvaux das Leitmotiv seines Lebens. Auch Martin Luthers „theologia crucis“, seine Theologie des Kreuzes, die er nicht zuletzt von Bernhard übernommen hat, spricht die gleiche Sprache.
Beide Männer des Glaubens werden in einer modernen Bronzeplastik die der Bildhauer Werner Franzen für den Altenberger Dom geschaffen hat, vom Gekreuzigten umarmt. Es ist ein Gestus, der die Wahrheit des Evangeliums verkündet: "Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen." (Joh 12,32)
Am Kreuz werden die Gleichnisse entschlüsselt. Ja, sie gehören zu seinem Geheimnis. Das Kreuz ist das verbindende Zeichen unseres Glaubens, der Baum des Lebens, den der Herr selbst verpfanzt hat ins Meer der Zeit, um uns die Ewigkeit jetzt schon zu eröffnen. In diesem Glauben an sein Handeln mitten in dieser Welt und in unserer Zeit ist uns mit ihm und durch ihn nichts unmöglich. Amen.
Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
P. Dr. Maximilian Heim O.Cist. / Prior des Zisterzienserklosters Stiepel
