Osterpredigt in Stiepel von Weihbischof Franz Grave am 23. März 2008


Ich konnte mir bis Mittwoch nicht vorstellen, die Osterpredigt am 1. Feiertag „unösterlich" zu beginnen. Aber es bedrängt mich immer noch sehr, was die Medien über eine Schweizer Einrichtung berichteten, die beim Selbstmord mit Helium mitwirkt. Einige Zeitungen titelten: „Dignitas empfiehlt den Tod aus der Plastiktüte", oder: „Der Mann" - gemeint ist der Vorsitzende dieses Vereins - „der beim Freitod hilft"

Was ist geschehen? Nach einem Rundfunkbericht stülpen sich Sterbewillige einen mit Helium gefüllten Plastiksack über den Kopf und ersticken. Diese schreckliche Prozedur nehmen die Dignitas-Vertreter auf Video auf. Die Bilder seien fast nicht zumutbar - Schreckensbilder der Qual und eines sinnlosen Endes!

In der Tat: Ein „unösterlicher" Vorgang! Aber er wird bestimmt nicht dadurch österlich, dass wir uns zu diesem schrecklichen Geschehen auf Distanz begeben, um die Festtagsfreude und -Stimmung nicht zu beeinträchtigen. Wenn wir das österliche „Halleluja" richtig von innen her verstehen, brauchen wir keine Sorge zu haben, dass die darin zum Ausdruck kommende Osterfreude angesichts moderner Verirrungen und Lebensverneinungen an Hoffnungskraft verliert. Im Gegenteil: Gerade an Ostern sind wir als Christen berufen, die Botschaft vom Leben gegen die Botschaft von einem sinnlosen Sterben und Töten zu stellen. Auf dem Hintergrund der düsteren Praktiken leuchtet Ostern hell auf und entlarvt diese Art der „Sterbehilfe" als menschenverachtend und Missachtung des Schöpfers. Das Osterhalleluja darf also trotz aller Eintrübung durch lebensverachtende Praktiken bei der Sterbehilfe seine helle Melodie behalten und unser christliches Gütesiegel für die christliche Lebensauffassung bleiben.

Das „RuhrWort" - unsere Kirchenzeitung - hat in der Osterausgabe das gewaltige Gemälde von Mathias Grunewald aufgenommen. Auf der Rückseite seines Isenheimer Altars befindet sich das Bild des Auferstandenen, eine großartige Darstellung, die uns etwas erahnen lässt von der Dynamik des neuen Lebens. Ostern ist die Botschaft des neuen Lebens! Diese Botschaft ist nicht Erfindung, auch nicht in menschlichen Gehirnen ergrübelt. Die Osterbotschaft hat einen göttlichen Boten, der in seinem Leben Botschaft und Tat voll zur Deckung gebracht hat. So ist die Botschaft mit göttlicher Autorität verbürgt und kein Mensch kann sie ersetzen durch Eigenwilligkeit und Besserwisserei. Die christliche Osterbotschaft allein vermag menschliches Leben in seiner Sinnhaftigkeit zu erschließen und zu verstehen. Dabei sind Tod und Sterben keineswegs ignoriert oder gar bagatellisiert!

Bis hinein in die Feier der Liturgie wird die Einheit von Tod und Leben zum Ausdruck gebracht. Der Karfreitag mit den Passionslesungen und vor allem der Kreuzverehrung sind der Beweis, dass die Kirche den Tod Jesu nicht idealisiert, an den Rand drängt oder gar ausschließt. Die Kreuzverehrung am Karfreitag belegt das Gegenteil: das Kreuz wird entblößt und den Christen unmissverständlich und unausweichlich vor die Augen gestellt. Und damit es nicht bei einem flüchtigen oder gar ausweichenden Blick bleibt, lädt die Kirche jeden Einzelnen zur Kreuzverehrung ein – das ist doch die persönliche Identifikation mit dem Tod Jesu und letztlich mit dem eigenen Tod.

Der Tod bleibt uns nicht erspart - er ist eine Lebensrealität, mit der wir konfrontiert bleiben. Aber die Konfrontation mit dem Tod ist zugleich auch die Konfrontation mit dem Leben. Das unterscheidet christliche Todesauffassung ganz wesentlich. Wir bringen die Unterscheidung ja in unseren Gebeten und Gesängen zum Ausdruck, wenn wir singen: „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen", konsequenterweise müssen wir ergänzen: Mitten im Tod sind wir vom Leben umfangen.

So ist das Kreuz allein nicht die ganze Botschaft, die wir verkündigen. Das Stehen unter dem Kreuz allein und ausschließlich hält kein Mensch aus, auch Jesus nicht. Er wurde vom Kreuz heruntergenommen und ins Grab gelegt. Und Maria und Johannes verließen schließlich auch ihren Platz unter dem Kreuz. Die neutestamentlichten Schriften enden auch nicht mit der Passion. Sie berichten von der Auferstehung oder Auferweckung: „Maria von Magdala ging zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen". Und Petrus verkündet mit großer Überzeugung und Sicherheit: „Ihn - Jesus - haben sie an den Pfahl gehängt und getötet. Gott aber hat ihn am dritten Tag auferweckt und hat ihn erscheinen lassen (Apg 10,40). Die Karfreitagsbotschaft wird von der Osterbotschaft eingeholt und überboten. Aber es gilt auch: Ostern kommt nicht ohne den Karfreitag aus. Die Liturgie führt darum beide - Karfreitag und Ostern - zu einer Feiereinheit zusammen: Es geht um Tod und Auferstehung Jesu und um unsere Erlösung. In jeder Eucharistiefeier rufen wir darum aus; Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir."

Was wir in der Liturgie feiern, ist nicht fromme Spielerei: Wir feiern das Leben, das Leben Jesu. Und im Spiegel seines Lebens dürfen wir unser Leben erkennen. Wie wir mit ihm leiden und sterben, so dürfen wir auch mit ihm zum ewigen Leben auferstehen: So ist nicht der Tod Endstation, sondern Durchgang des Lebens. Wie es in der Präfation für die Verstorbenen heißt: „vita mutatur non tollitur", das Leben wird gewandelt, nicht genommen. Wer davon überzeugt ist, dass sein Sterben nicht nur absurder Abgang und Untergang ist, sondern Eingang und Heimgang, der wird vertrauensvoll in die Zukunft schauen und sich durch Sterben und Tod hindurch in Gottes Schöpferhände geborgen wissen. Aus dieser christlichen Perspektive des Glaubens wird der Tod für den Menschen einen anderen Stellenwert bekommen. Der Tod wird dann nicht mehr den Charakter der Zerstörung, des Auslöschens, des Versinkens und Abbrechens aller menschlichen Möglichkeiten haben. Ein Theologe (H. Küng) sagt: „Der Tod wird aufhören, des Menschen Feind zu sein, der letztlich über ihn triumphiert. Nein, nicht der Tod ist unser Erlöser, sondern Gott ist unser Erlöser - Erlöser auch vom Tod."

Was bleibt jetzt noch zu sagen zum „Dignitas"-Programm? „Dignitas" bedeutet Würde. Doch mit Würde hat der qualvolle Tod unter einem mit Helium gefüllten Plastiksack nichts zu tun! Der Anspruch „Würde" ist ein zynischer Etikettenschwindel und soll - wenn es sein muss - zu Ostern im Festgottesdienst entlarvt werden. Was können - müssen wir - aus christlicher Sicht sagen?

Krankheit, Schmerz und Leid sind für uns große „Herausforderungen zur Hilfe". Die Menschen in ihren Schmerzen allein zu lassen, ist zutiefst unchristlich. Das Leiden der Menschen muss für uns auch zum Mitleiden werden. So soll der Arzt alles tun, um den Kranken zu heilen. Wenn Heilung nicht mehr möglich ist, so bleibt die wirksame Schmerzlinderung. Hier ist die palliative Medizin eine große Entdeckung, die oft sogar Schmerzfreiheit ermöglicht und das Leben erträglich macht. Ich habe großen Respekt vor Ärzten und Pflegenden, die in der Palliativ-Medizin arbeiten. Sterbebegleitung erschöpft sich aber keineswegs in medizinischer Behandlung. Die mitmenschliche Hilfe als Zuwendung und tröstender Beistand sind ebenso hilfreich und vermitteln Zuversicht und Überwindung von Angst und Todesnot.

Jesus Christus, der Sieger über Not und Tod, ist auch unser Erlöser vom Tod. Sein Ringen mit dem Tod ist in der Sprache der Liturgie keineswegs Floskel, sondern ernste Wirklichkeit. Aber am Ende dieses Ringens steht der Sieg über den Tod - das Leben! Paulus sagt zugespitzt: „Verschlungen ist der Tod im Sieg! Wo ist, Tod, dein Sieg? Wo ist, Tod dein Stachel?" (l Kor 15,55) Ist diese christliche Perspektive nicht die österliche Einladung, sich im Sterben dem auferstandenen Christus anzuvertrauen?

Mit Christus, von seinen Händen ergriffen, vertrauensvoll Sterben und Tod hinzunehmen - das ist würdiges Sterben! Ich überlasse mich im Sterben dem Herrn - nicht aber Vertretern von Sterbeorganisationen mit Giftspritzen! Ist das Dignitas - Würde? Das ist zynische Verachtung, Missachtung des Menschen als Ebenbild Gottes! Menschliche Würde - die ist in Ostern begründet! Und Ostern ist endlose Freude über unsere Berufung zum ewigen Leben.

So wünsche ich Ihnen allen frohe und gesegnete Ostern: den Kranken einen herzlichen Ostergruß!

Halleluja, Jesus lebt!

Amen!

 



Zurück zur Startseite





Zisterzienserkloster Bochum-Stiepel - Am Varenholt 9 - D-44797 Bochum - Tel.: 0234 777050 - Fax: 0234 7770518 - Impressum